Sprache auswählen

1280

Kasuistiken zur muskuloskelettalen Radiologie

Multifokale Schmerzorte

Beitragsseiten

Eine 16-jährige Frau berichtet über starke Schmerzen seit 3 Monaten am Brustbein, zwischen den Schulterblättern und tief im Kreuz, besonders morgens und in Ruhe.

Untersuchungsbefunde

Druckschmerzen lassen sich am Sternum und im mittleren BWS-Bereich auslösen. Die Wirbelsäule ist vermindert beweglich. Am rechten Unterschenkel findet sich eine psoriatiform schuppende Hautläsion. Die BSG ist auf 20/44mm erhöht. Es besteht eine geringgradige Eisenmangelanämie. Die übrigen Laborwerte liegen im Normbereich, negativ sind HLA-B27, RF, ANA, ENA, dsDNA-AK, p/s-ANCA und ACE.

BWS - CT, PD fettsaturiert, T1 nativ, T1 kontrastverstärktSapho1b LWSSternum - PD fettsaturiert koronal, CT sagittalRadiologische Diagnostik

  • Unauffällige Darstellung der BWS und LWS im Röntgen, während die CT eine Erosion an der imprimierten Grundplatte des BWK 4 zeigt.

  • In der MRT finden sich der T2-Gewichtung hyperintense Läsionen an BWK 4 und 11 sowie LWK 1 und 5. Hier kontrastaufnehmende Foki an den ventralen Wirbelkörperkanten, umgeben von Knochenmarködemen („shiny corners“). Der BWK 4 zeigt eine Deckplattenimpression.

  • Am Corpus sterni besteht eine bandförmige Osteolyse mit Randsklerose.

  • Beide Sakroiliakalgelenke sind unauffällig.

Welche Diagnose ist die wahrscheinlichste?


Diagnose: SAPHO-Syndrom

Die Diagnose wird aufgrund der psoriatiformen Hauteffloreszenzen zusammen mit den radiologischen Befunden gestellt.. Die Differenzialdiagnose umfasst die chronisch rekurrierende multifokale Osteomyelitis (CRMO).

Therapie und Verlauf

Zuerst wurde eine NSAR-Therapie (bis max. 3x800mg/Tag Ibuprofen) für 6 Wochen eingeleitet, dann ausschleichend mit Sulfasalazin über 4 ½ Monate.
Nach sechs Monaten kam es zur Komplettremission. Die Patientin ist Jahren beschwerdefrei und betreibt wieder Leistungssport.Gesamte Wirbelsäule - PD fettsaturiert, T1 nativ, T1 kontrastverstärkt

Sternum - STIR, T1 nativ

Hintergrundinformation

Das Akronym „SAPHO“ beschreibt die Leitsymptome „Synovitis“, „Akne“, „Pustulosis“, „Hyperostosis“ und „Osteitis“. Aus dem heterogenen Nebeneinander von Haut- und Knochenbefunden leitet sich auch das Kürzel „Skibo disease“ (skin and bone) ab. Die Erkrankung ist eine autoinflammatorische Erkrankung mit Assoziation von kutaner Beteiligung und chronischer nicht-bakterieller Osteomyelitis. Als Diagnosekriterien gelten:

  • multifokale, sterile Osteomyelitis ohne oder mit pustulöser Hautkrankheit,

  • Arthritis und pustulöse Dermatose und

  • Osteomyelitis und pustulöse Dermatose bzw. Psoriasis.

Folgende Formen des SAPHO-Syndroms werden unterschieden:

  • chronisch rekurrierende multifokale Osteomyelitis (CRMO) in zwei Dritteln der Fälle.

  • Spondylarthritis hyperostotica pustulopsoriatica in knapp einem Drittel der Fälle (Pustulosis palmoplantaris, sternoklavikuläre Hyperostose, Wirbelsäulenläsionen) und

  • selten abortive Formen (ACW-Syndrom = anterior chest wall syndrome, SCCH = sternoklavikuläre Hyperostose, Akne-CRMO, Akne-Spondylitis).

Die chronisch rekurrierende multifokale Osteomyelitis (CRMO) manifestiert sich meist außerhalb des SAPHO-Syndroms mit synchronen bzw. metachronen Osteomyelitiden an den Metaphysen der Röhrenknochen, an den thorakolumbalen Wirbelkörpern und Klavikulae. In 60% liegt eine Pustulosis palmoplantaris vor. Erreger lassen sich meist nicht isolieren, es werden ursächlich anaerobe, hypovirulente Hautkeime diskutiert.

Ob das SAPHO-Syndrom den seronegativen Spondylarthropathien zugeordnet werden sollte, wird konträr diskutiert. Diese Arthropathie-Gruppe umfasst folgenden Entitäten:

  • Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew),

  • Psoriasis-Arthropathie,

  • enteropathische Arthritiden (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa),

  • reaktive (postinfektiöse) Arthritiden und

  • undifferenzierte Spondylarthropathien.

Lernpunkte

Bei multilokulären Gelenk- und Wirbelsäulenläsionen sollte die Anamnese auf den Nachweis von Hautaffektionen ausgedehnt werden. Entzündliche Manifestationen werden am Skelettsystem mit der MRT-Diagnostik häufig früher als in der Radiographie erfasst. Der Radiologie kommt mit der frühzeitigen Diagnose eine wichtige Steuerungsfunktion bei entzündlichen Skeletterkrankungen zu.